Scientology – The Truth Rundown [Part 2]

Hochrangige Aussteiger geben einen noch nie da gewesenen Einblick in Scientology.

Scientology-Chef David Miscavige ist der Schwerpunkt dieses Spezial-Reports der St. Petersburg Times. Ehemalige Scientology Führungskräfte, darunter auch zwei der ehemaligen Lieutenants von Miscavige, sind an die Öffentlichkeit getreten, eine Kultur der Einschüchterung und Gewalt unter David Miscavige zu beschreiben.

TEIL 2 VON 3 – Tod in Zeitlupe

In der Nacht, in der Lisa McPherson starb, gab der Führer der „Scientology-Kirche“ einem seiner Top-Offiziere den Auftrag, an einem öffentlichen Telefon in der Surfarea des Holiday Inn am Strand von Clearwater zu warten.

Als Marty Rathbun das klingelnde Telefon abhob, sagte ihm David Miscavige Folgendes:

Warum kümmerst du dich nicht schon längst um diesen Saustall? Die Polizei schnüffelt herum. Tu was.

„Ja, Sir“, antwortete Rathbun damals.

McPherson, eine 36-jährige Scientologin, in anscheinend gutem gesundheitlichen Zustand, hatte 17 Tage in einem bewachten Raum im Scientology-eigenen Fort Harrison Hotel verbracht. Angestellte der Kirche hatten versucht, sie nach einem Nervenzusammenbruch zu pflegen. Stattdessen wurde sie krank. Ihre letzten Atemzüge tat sie auf dem Rücksitz eines Van, der sie zu einem Krankenhaus im nächsten Landkreis fuhr.

Ihr Tod am 5. Dezember 1995 führte zu neun Jahren Untersuchungen, Gerichtsverhandlungen und weltweiter Presseberichterstattung. Dank des Internets befleckt er weiterhin den Ruf von Scientology.

Hier folgt nun das erste Mal eine Insideraussage aus den höheren Rängen von Scientology – von dem Mann, der den Umgang der Kirche mit diesem Fall managte.

Rathbun, der Ende 2004 aus Scientology austrat, gibt zu, dass er die Vernichtung komprimierender Materialien über die Betreuung von McPherson im Fort Harrison anordnete, während die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Familie McPhersons an Vorladungen arbeiteten.

Rathbun und andere, welche die Kirche verlassen haben, eröffnen nun das erste Mal, dass Miscavige direkt mit dem Werdegang McPhersons in Scientology zu tun hatte. Nur wenige Wochen vor ihrem Nervenzusammenbruch sagen sie, hätte der Anführer höchstselbst entschieden, dass diese einen mentalen Zustand erreicht hätte, den die Scientologen „clear“ nennen.

Über Jahre hinweg beharrte Rathbun darauf, dass die Kirche nichts falsch gemacht hätte. Heute sagt er, dass die Betreuung McPhersons von Anfang an ein Debakel war. Es war eine „Flut von Inkompetenz und Unverantwortlichkeit“ innerhalb der Kirche, sagt er. „Das ist nicht zu rechtfertigen.“

Er eröffnet, dass die Kirche bereit war, jeden nötigen Preis zu zahlen, damit der Fall verschwand. Er sagt, dass er einen Abgesandten zu McPhersons Beerdigung schickte, welcher die Berechtigung hatte, deren Mutter Fannie alles zu geben, was diese verlangte. Dieser Versuch wurde abgeschmettert, weil die Familie der Kirche nicht traute.

„Ob finanziell oder irgendetwas anderes, wir hätten dafür gesorgt, dass diese Frau es bekommen hätte, weil es auf unsere Kappe ging. Hätte sie fünf Millionen Dollar gebraucht, wären wir mit fünf Millionen Dollar aufgetaucht.“

Offizielle der Kirche sagen, dass Rathbun ein verbittertes Ex-Mitglied sei, welches seine Bedeutung in Scientology übertreiben würde und dessen Motive zweifelhaft seien. Sie behaupten, dass Miscavige Rathbun zum Teil wegen Fehltritten beim Umgang mit dem Fall McPherson degradiert hätte.

Eine Vereinbarung mit der Familie der Frau würde ihr verbieten, Einzelheiten zu berichten, sagt Monique Yingling, eine langjährige Scientology-Anwältin und Freundin von Miscavige. Dennoch sagt sie, dass Rathbun den Fall von Anfang an vermasselt hätte und „unter Umständen die ganze Sache verursacht hat“.

Ein kleiner Kratzer
McPherson trat Scientology in Dallas, ihrer Heimatstadt, bei, als sie 18 war. Sie arbeitete für eine Marketing-Firma, die Freunden aus Scientology gehörte. Diese Firma zog 1994 nach Clearwater, dem spirituellen Hauptquartier der Kirche und McPherson zog mit.

Kurz nach 18 Uhr rammte am 18. November 1995 in der südlichen Fort Harrison Avenue ein Jeep Cherokee einen Bootanhänger, der wegen des Verkehrs angehalten worden war.

McPherson, reichlich verwirrt, ging zum Fahrer des Anhängers, legte ihre Hand auf seine Schulter und fragte: „Wo sind die Leute? Wo sind die Leute?“

Feuerwehrleute brachte sie dazu, ihr Auto im Belleview Boulevard abzustellen. Sie unterschrieb ein Statement, welches besagte, dass sie keine medizinische Hilfe wünsche. Als die Polizisten und Sanitäter sich wieder ihren anderen Aufgaben zuwenden wollten, sahen sie, dass sich McPherson ihrer Kleidung entledigt hatte und den Belleview Boulevard entlang lief.

Sie brachten McPhersons ins Morton Plant Hospital, wo die Ärzte überlegten, sie unter Berufung auf das Gesetz über geistige Gesundheit des Staates Florida einer psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen.

Aber Scientology bewertet die Psychiatrie und psychiatrische Medizin als böse. Die Kirche glaubt, dass sie selber weniger penetrante und weit humanere Behandlungsmethoden für den menschlichen Geist anbietet.

Mit der Forderung, McPherson nicht der Psychiatrie auszuliefern, tauchten rund zehn Mitglieder der Kirche im Krankenhaus auf und gaben an, dass sie sich um McPherson kümmern würden. Diese meinte, dass sie das Krankenhaus zusammen mit ihren Freunden verlassen wolle und entließ sich gegen den Rat der Ärzte selbst.

Mitarbeiter der Kirche checkten sie im Fort Harrison ein und brachten sie im Raum 174 der „Cabanas“ – einer Gruppe von etwas weniger offiziellen Räumen, welche auf die Straße hinter dem Hotel hinausgehen – unter. Vier Mitglieder des „kirchlichen“ medizinischen Büros wurden beauftragt, McPherson zu beobachten. Mitarbeiter aus anderen Abteilungen wurden als Hilfe herangezogen – inklusive eines Offiziers der Gehaltsstelle, eines Sachbearbeiters, einer Sekretärin, einer Personaldirektorin, Sicherheitsleuten und zweier Bibliothekare.

Für die Supervision war Janis Johnson verantwortlich, eine Ärztin ohne Lizenz, die als medizinische Offizierin für die Kirche arbeitete.

Mehr als zwei Wochen versuchten sie, McPherson zu beruhigen, zu verpflegen und zu behandeln. Sie gaben ihr Chloralhydrat, ein leichtes Schlafmittel. Ein Zahnarzt ohne Lizenz für Florida mixte Aspirin, Benadryl und Orangensaft und zwang ihr dies mit einer Spritze in den Hals.

Die Angestellten führten über alles, was sie taten, Buch. Im Bestreben, McPherson zu beruhigen, versucht ein Angestellter, ihr drei Baldrian-Kaspeln in den Rachen zu schieben, aber McPherson spuckte sie aus. „Mein Vorhaben, ihr die Nase zuzuhalten, damit sie schlucken muss, um durch ihren Mund zu atmen, ist nur teilweise erfolgreich“, schrieb der Angestellte.

McPherson schlug um sich und schrie ihre Aufpasser an. Sie lallte und erbrach ihr Essen. Sie zerstörte die Deckenlampe und zerbrach im Badezimmer weiteres Glas. Sie sprang aus dem Bett, fiel auf den Boden und rannte im Raum herum.

Versunken in den Anblick einer Glühbirne sagte sie „Du musst dem Licht folgen, weil Licht das Leben ist.“

„Sie war wie ein Eisklumpen“, schrieb eine Aufpasser. „Sie weigerte sich, etwas zu essen und spuckte alles aus, was sie bekam. Ihr Atem war unbeständig… es fühlte sich an, als hätte sie Fieber.“

Am Abend des 5. Dezember hatte McPherson rund sechs Kilo Gewicht verloren. Johnson, die Ärztin der Kirche, rief David Minkoff, einen Scientologen und Arzt im Columbia New Port Richey Hospital an. Minkoff meinte, McPherson sollte die Straße runter ins Morton Plant Hospital gebracht werden.

Aber Alain Kartuzinski, ein Vorgesetzter der Auditing-Abteilung, meinte zu Minkoff, dass er Angst hätte, dass McPherson in Morton Plant psychologischer Behandlung ausgeliefert sein könnte und Johson versicherte Minkoff, dass McPhersons Zustand nicht lebensgefährlich sei.

Was sie Minkoff nicht berichteten: McPherson humpelte und konnte nicht richtig gehen. Sie atmete schwer, ihr Augen waren starr und blinzelten nicht. Ihr Gesicht war eingefallen, was ein Zeichen für Dehydrierung war.

Minkoff stimmte zu, sie zu untersuchen. Mit McPherson auf dem Rücksitz ihres Van fuhren die Aufpasser 45 Minuten zum Pasco Hospital und passierten auf ihrem Weg vier weitere Krankenhäuser.

Sie fuhren sie auf einem Rollstuhl in die Notaufnahme. Sie hatte keinen Puls, keinen Herzschlag und atmete nicht. Minkoff stellte McPhersons Tod fest.

Er nahm Johnson zur Seite und schrie sie an.

„Ich verlor meinen Verstand“, sagte er später. „Ich war nicht daran interessiert, herauszufinden, was passiert war. Ich war eher in einem Zustand von ‚Wie kannst du diese Person in einem solchen Zustand zu mir bringen?'“

Miscaviges Rolle
Scientology betreibt eine besondere Form der Beratung, genannt Auditing. In einem ruhigen Raum stellt ein „Auditor“ dem Scientology-Anhänger vorgeschriebene Fragen, während er gleichzeitig ein Gerät namens Elektronenpsychometer oder E-Meter beobachtet. Scientologen behaupten, dass es eine „Ladung“ gäbe, die mit schlechten Erfahrungen im Leben eines Menschen verbunden wären, beispielsweise Konflikte in einer Ehe oder Vorfälle in der Kindheit.

Wenn diese Themen angesprochen würden, reagiere die Nadel des E-Meters darauf. Der Akt des Findens solcher beunruhigender Vorfälle zerstreue die Ladung und die Nadel schlüge vor und zurück. Die betroffene Person solle sich anschließend besser fühlen.

Ein Ziel ist es, den Zustand „clear“ zu erreichen, in welchem alle negativen Bilder verschwunden wären und die jeweilige Person von Ängsten, Befürchtungen und irrationalen Gedanken befreit sei.

John Travolta, Kirstie Alley und Tom Cruise sind einige der Celebrities, welche die Vorteile von Scientology hervorgehoben haben. Anhänger aus der gesamten Welt reisen nach Clearwater, um von den besten geauditet zu werden. Scientologen kommen wegen den Unterkünften in der Deluxeklasse und höchsten, „Klasse 12“ Auditoren, deren Service nach den Worten von Rathbun bis zu 1.000 Dollar pro Stunde kosten kann.

Aber damals, 1995, dachte selbst die Kirche, dass die meisten ihrer „Klasse 12“ Auditoren ihr Geld nicht wert gewesen wären, sagt Rathbun. Sie waren ausgebrannt, ihr Sitzungen waren reine Routine und ohne eigene Inspiration, ähnlich eines Doktors mit einem ärmlichen Arbeitsverhalten.

„Die waren alle übergewichtig, fett und sie hatten Rückenprobleme. Sie schliefen nicht genug“, sagt er weiter. „Und eines der Probleme war, wie ich feststellte, dass sie für 15, 20 Jahr goldene Kühe waren.“

Er sagt, sie wären „als Cash-Cows einfach die ganze Zeit über gemolken worden.“

Rathbun und andere berichten, dass Miscavige 1995 in Clearwater das „Goldene Zeitalter der Tech“ („The Golden Age of Tech“) gestartet hätte, eine Initiative, die zum Ziel hatte, die Qualität und Gründlichkeit des Auditing in Scientologies Mekka zu verbessern.

Rathbun sagt, er hätte damals den Auftrag gehabt, dabei zu helfen. Miscavige würde die Auditing Sitzungen der Anhänger teilweise von einem Kontrollraum mit Video-Übertragungen aus unterschiedlichen Beratungsräumen kontrollieren.

Eine dieser Anhängerinnen war Lisa McPherson.

„Er schaute live mit der Videokamera bei jeder Sitzung zu, an der sie teilnahm und (überwachte diese), sagte ‚mach jetzt dies, mach jetzt das‘ und so weiter“, berichtet Tom De Vocht, ein ehemaliger hoher Manager der Kirche in Clearwater, welcher diese verlassen hat und sich nun das erste mal öffentlich äußert.

Der Ordner mit den Aufzeichnungen von McPhersons Auditing-Geschichte wurde immer wieder in Miscaviges Büro gebracht, sagt De Vocht, dessen Büro gleich nebenen lag und der zum damaligen Zeitpunkt Umbauten im Wohnbereich des Anführers leitete.

Don Jason, damals ein hochrangiger Offizier im spirituellen Zentrum in Clearwater, berichtet, wie er sah, dass Miscavige seine Kopfhörer abnahm und verkündete, dass McPherson in einer vorhergehenden Sitzung den Zustand „Clear“ erlangt hätte. Jason, heute 45, sagt, dass er gesehen habe, wie Miscavige eine Notiz schrieb, welche McPhersons Auditor ihr später vorlas und die McPherson informierte, dass sei den neuen Status erreicht hätte.

Scientologen, die „clear“ sind, werden nicht psychotisch, meint Jason. Also war eine Person, die so kurz nach dem Erreichen dieses Status einen Zusammenbruch hat, ein „großes Problem“.

Vertreter der Kirche sagen, dass De Vocht und Jason falsch lägen. „Ich kann Ihnen sagen, dass dies vollkommen und total falsch ist“, sagt Angie Blankenship, die von 1996 bis 2003 eine hohe Verwaltungsangestellte in Clearwater war.

„Ich war dort. COB (Miscavige) war während dieser Zeit nicht mal in der Flag land base. Er (Jason) ist ein Lügner. Nichts ist passiert.“

Yingling und der Sprecher der Kirche, Tommy Davis, sagen ebenfalls, dass Miscavige zu dieser Zeit nicht in Clearwater gewesen sei und behaupten, dass sie genauer Aufzeichnungen der Treffen hätten, die er damals in Kalifornien besucht hätte, um dies zu beweisen. Zudem stellen sie in Frage, ob De Vocht und Jason sich, fast 14 Jahre später, an alles über diese Frau erinnern könnten, die damals nur eine weitere Anhängerin gewesen sei.

Jason sagt, dass dieser Moment heraus stach, weil Angestellte ein spezielles Training und beständig aufgefrischte Kurse benötigen, um erkennen zu können, wann jemand „clear“ wird. „Und deshalb erstaunte es mich“, dass Miscavige diese Kenntnisse hatte.

Nicht nur das, sondern „ich stand genau neben ihm, als das passierte“, sagt Jason, der die Kirche 1996 verließ, Scientology [als Technologie] aber weiterhin nützlich findet.

„Das war ein großes Ding“, bemerkt De Vocht zu Miscaviges Einflussnahme. „Es ist unmöglich, sich daran nicht zu erinnern.“

De Vocht berichtet, damals eng mit Miscavige zusammen gearbeitet zu haben. Er sagt, dass der Anführer bei McPherson eingriff, weil sie Probleme mit ihrem Auditing hatte und gleichzeitig mit einem prominenten Mitglied der Kirche befreundet war.

Er berichtet, dass er sah, wie Miscavige McPhersons Auditing-Sitzungen per Videoübertragung beobachtete und Anmerkungen in ihren Ordner schrieb.

„Ich beobachte ihn persönlich“, sagt De Vocht. „Eine ganze Reihen von Personen beobachten ihn persönlich.“

Die Offiziellen der Kirche sagen, dass es keine Anmerkungen von Miscavige in McPhersons Akte gäbe. In jedem Fall, sagen sie, wäre Miscavige auch qualifiziert gewesen, McPhersons Fall zu supervisieren. „Er ist in jedem Feld ein Experte“, sagt Jessica Feshbach, ein Sprecherin der Kirche.

Rathbun erinnert sich, wie er durch den Flur, der im Fort Harrison zu den Auditingräumen geht, ging und eine Frau herausstürmte.

„Sie machte ‚Aaaaaah! Yahoo!‘. Sie schrie aus voller Kraft“, sagt er.

Die war McPherson, welche die Neuigkeit feierte, dass sie zum „Clear“ erklärt worden war.

Ihre Leistung wurde im September 1995 mit einer Zeremonie im Fort Harrison gefeiert. Mitte November war sie wieder zurück im Hotel und brabbelte ihre Aufpasser an.

Introspection Rundown
Als Rathbun erfuhr, dass McPherson gestorben war, interviewte er die fünfzehn bis zwanzig Scientologen, welche sie gepflegt hatten.

„Es fühlte sich an, als ob man ein Katastrophengebiet betreten würde“, sagt er. „Sie sahen alle kaputt aus. Ihnen fehlte der Schlaf. Einige hatten von Lisas Schlägen Kratzer und Prellungen davon getragen. Alle waren sie emotional durcheinander, weil es sich jeder Einzelne selbst zuschrieb, dass etwas schief gegangen war.“

Für diese Gefühle hatten sie gute Gründe, sagt Rathbun. „Die ganze Sache war falsch. Ich kann euch nur nicht genau sagen, welche Form von Verbrechen“ dass in der Scientology-Terminologie war.

Die Aufpasser hatten McPherson einem „Introspection Rundown“ unterzogen, einer Prozedur, die einst vom Scientology-Gründer L. Ron Hubbard entworfen wurde. Das Ziel ist es, eine psychotisch erkrankte Person zu isolieren und dann soweit zu beruhigen, bis sie geaudited werden kann. Sie so in einer ruhigen Umgebung gehalten werden, wo sie niemand treffen kann, der die mentalen Bilder, welche sie eventuell aufregen würden, „wieder-stimulieren“ könnte.

Praktisch gingen, so Rathbun, Angestellte in McPhersons Raum ein und aus, ebenso Sicherheitskräfte, die ihre Walkie-Talkies nutzten. Ein Angestellter schrie in einer Ecke, während andere McPherson festhielten und versuchten, ihr Medikamente zu verabreichen und sie zu ernähren.

Statt sich zu beruhigen, wurde McPherson während ihres 17-täglichen Aufenthalt immer erregter und selbstzerstörischer.

Rathbun gibt an, dass er mehreren Introspection Rundowns beigewohnt hat, und keiner mehr als ein oder zwei Tage gedauert hätte.

Er sagt, dass es für ihn offensichtlich war, dass McPherson ein Opfer von „out-tech“ – dem Scientology-Wort für Fehlverhalten – geworden war.

Rathbun hatte ein weiteres Problem: Kartuzinski, die zuständige Aufseherin, und Johnson, die medizinische Offizierin, hatten die Polizei von Clearwater belogen. Sie hatten behauptet, dass McPherson keinen Introspection Rundown erhalten hätte und dass während ihres Aufenthalts nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre.

„Damit hatte ich es also zu tun“, berichtet Rathbun. „Ich hatte zwei falsch eidesstattliche Erklärungen gegenüber Vertretern des Gesetzes“ zusätzlich zu der schlechten Behandlung McPhersons durch Scientologen.

Es war so ein „großer Haufen Scheiße“, sagt er, dass sein erster Instinkt war, etwas zu tun, was vollständig außerhalb seines normalen Verhaltens lag.

„Damals wünschte ich wirklich und ernsthaft, dass ich in der Position sein würde, in der ich einfach meinem Herzen folgen könnte“, sagt er heute. „Mein Herz sagte mir damals, im Dezember 1995, direkt zum Staatsanwalt zu gehen und zu sagen, ‚Es ist ein schrecklicher Vorfall passiert… Wir wollen die Verantwortung dafür übernehmen.“

Aber das war dem Handbuch nach nicht möglich. Die rund zwei Jahrzehnte, die er inmitten der Scientologyumgebung verbracht hatte, lehrte ihm etwas anders: Wenn du belagert wirst, schließt du die Reihen und gibst niemals einen Fehler zu.

Er berichtet, dass er einen internen Report geschrieben hätte, welcher darauf hinauslief, dass zwar Vorschriften der Kirche verletzt worden wären, diese Fehler aber nichts mit McPhersons Tod zu tun hätten.

Er packte den Report in eine Büromappe und behandelte ihn, wie er es Jahre zuvor gelernt hatte, als er als zwanzigjähriger Neuling Hubbards Korrespondenz bearbeitet hatte. Er schnitt die Ecken mit einem Rasiermesser auf, umschloss die Mappe mit Klebeband und schmolz das Klebeband kurz an, so das niemand die Mappe würde öffnen können, ohne sie zu zerreißen. So ging die Mappe zur Basis der Kirche in Kalifornien.

Ein Jahr lang erschien in der Presse nicht ein Wort über den Tod von McPherson.

Aber Mitte Dezember 1996 sickerten Einzelheiten der Untersuchung durch die Clearwater Police an die Presse durch. Ein Autopsiebericht von Joan Wood, einer Sachverständigen des Bezirks Pinellas-Pacso, besagte, dass McPherson an einem Blutgerinnsel in ihrem linken Lungenflügel gestorben war, was durch „Bettlägerigkeit und schwere Dehydrierung“ herbeigeführt wurde.

Rathbun organisierte daraufhin die Reaktion gegenüber der Öffentlichkeit, welche – wie er jetzt klarstellt – mit einer Lüge begann. Sprecher der Kirche behaupteten, dass McPherson zum Ausspannen ins Fort Harrison Hotel gekommen wäre. Sie sagten, dass McPherson kommen und gehen konnte, wie es ihr beliebte. Das sie einen Introspection Rundown erhalten hätte, wurde bestritten.

McPherson wäre „plötzlich krank geworden“ und, so die Vertreter der Kirche, wäre an den Entscheidungen über ihre Pflege beteiligt gewesen. Ihr Tod sei ein bedauernswerter Unfall, der nicht damit zu tun hätte, was Scientology tat.

Die bezirkliche Beauftragte Wood äußerte sich und meinte, dass die Autopsie den Darstellungen der Kirche widersprechen würde. Die erfahrende medizinische Gutachterin sagte, dass es bei McPhersons Tod nicht plötzliches oder unfallhaftes gegeben hätte. Ihr Gesundheitszustand hatte sich zehn Tage lang immer mehr verschlechtert und mit hoher Wahrscheinlichkeit war sie am Ende bewusstlos geworden.

Die Kirche verklagte Wood, um Zugang zu deren Akten zu erlangen. Eine Anwalt von Scientology nannte sie: „Lügnerin. Lügnerin. Lügnerin. Lügnerin. Lügnerin. Hasserfüllte Lügnerin.“

McPhersons Familie verklagte die Kirche wegen ihres Todes.

Und die Staatsanwaltschaft des Bezirks Pinellas-Pasco untersuchte den Fall, um Anklage erheben zu können.

Vernichtung von Beweismaterial
Zu Beginn des Jahres 1997, als die Untersuchungen noch liefen, traf sich Rathbun mit Angestellten der Kirche in deren Büros in Hollywood, Kalifornien. Sie frisierten die täglichen Aufzeichnungen, welche die Aufpasser McPhersons während deren 17 Tage im Fort Harrison Hotel angefertigt hatten.

Drei Einträge machten ihm besonders zu schaffen.

Einer enthielt eine seltsame sexuelle Anspielung, die McPherson gemacht hatte. Ein weiterer enthüllte, dass niemand daran dachte, den Spiegel aus dem Raum einer psychisch zusammengebrochen Frau, die versuchte, sich selber zu verletzen, zu entfernen. Der dritte Eintrag enthielt die Meinung eines Aufpassers, dass die Situation außer Kontrolle geraten sei und das McPherson zu einem Arzt müsste.

Rathbun beschloss, dass diese Notizen verschwinden müssten.

„Ich sagte, ‚Verliert sie‘ und ging aus dem Raum“, erinnert er sich und ergänzt, dass die Entscheidung, sie zu vernichten, seine eigene war.

„Niemand sagte mir, dass ich es tun sollte, das tat ich selbst“, sagt er. „Die Wahrheit ist einfach die Wahrheit und hier und jetzt lege ich mein Geständnis ab. Und ich glaube, dass ist etwas, was die Kirche mehr verletzt, als Menschen, die versuchen von ihr eine Entschädigung zu erhalten.“

„Aber ich weiß, was das bedeutet und dass er unter Umständen als Verbrechen verfolgt werden kann.“

In einem früheren Interview gab Staatsanwalt Bernie McCabe an, dass klar war, das bestimmte Dokumente fehlen würden, weil die Kirche Aufzeichnungen für jeden Tag von McPhersons Aufenthalt übergeben hätte, außer für die letzten beiden Tage bevor sie starb. Das die Kirche versuchte, etwas zu verbergen, heizte nur McCabes Vermutung an, dass etwas Schlimmes passiert war.

Rathbun heute zu verfolgen, sie nicht mehr möglich, weil die Verjährungsfrist für die Zerstörung von belastendem Material drei Jahre beträgt sagt McCabe heute. „Wir sind miteinander fertig.“

Stress nimmt zu
Am 13. Nov. 1998 verklagte McCabes Büro die Niederlassung der Kirche in Clearwater wegen zweier Vergehen: unterlassende Hilfeleistung und das praktizieren von Medizin ohne Lizenz.

Die Kirche musste sich nun auf Gerichtsverfahren und unangenehmen Zeugenaussagen vor Strafgerichten und vor Zivilgerichten vorbereiten.

Miscavige beauftragte Rathbun und den Sprecher der Kirche, Mike Rinder, mit den Anwälten und Reportern fertig zu werden. Aber der Führer der Kirche behielt die Zügel in der Hand und arbeitete daran, aus dem Hintergrund die Sicht von Scientology zu verbreiten.

Rathbun erzählt nun, dass Miscavge oft neben ihm und Rinder saß, wenn sie Telefoninterviews gaben, ihnen vorgab, was sie zu sagen hätten und wild gestikulierte, wenn er dachte, dass sie etwas falsch gemacht hätten.

Eine der wichtigsten Fragen war, ob Miscavige bei der Klage der Familie von McPherson als Angeklagter belangt werden konnte. Anwälte der Kirche argumentierten, dass er nicht zur Liste der Angeklagten hinzugefügt werden sollte, weil er nur für die spirituellen Fragen zuständig sei. Die Familie hielt dagegen, dass Miscavige „die vollkommene Kontrolle“ hätte und „Scientology bis ins letzte Glied managen“ würde.

Im Dezember 1999 entschied ein Richter in Tampa, dass Miscavige als Angeklagter benannt werden könnte.

Für den Führer der Kirche sei dies, so Rathbun, „der Punkt, an dem er umschaltete“, gewesen.

„Das war offenbar die schlimmstmöglich Sache, dass er eventuell von seinem Posten verschwinden müsste und sein Ruf mit dieser Untersuchung in Zusammenhang gebracht wurde. Von diesem Zeitpunkt an wurde er zunehmend feindselig, gewalttätig und irrational.“

William C. Walsh, ein Anwalt aus Washington, D.C., welcher Scientology seit langem vertritt, meint, dass dieser Bericht weit hergeholt ist.

„Jemand, den ich gut kenne ist David Miscavige, ich kenne ihn seit Dezember 1999 und schon lange vorher“, sagt Walsh. „Und ich bemerkte keine einzige Veränderung seiner Persönlichkeit, als er in diesem Fall zum Angeklagten wurde. Er wurde nicht feindseliger. Er wurde nicht gewalttätiger. Und er wurde niemals unvernünftig.“

Yingling ergänzt: „Er war nicht glücklich darüber, angeklagt zu werden. Das ist wahr. Aber er nahm es mit Fassung, wie auch alles andere, was in diesem Fall geschah.“

Rinder und Rathbun erinnern sich an einen Nachmittag im dem dritten Stock eines kleinen Bürogebäudes, von wo aus die nördliche Fort Harrison Avenue zu überblicken ist, an dem Miscavige Rinder angriff. Sie berichten, dass der Anführer Rinder mit Obzönitäten beschimpfte, ihn ergriff, und – während er dessen Haarschopf festhielt – diesen den Hals umdrehte und ihn dann auf den Boden warf.

Dieser Angriff, so Rinder, war der schmerzhafteste unter den Dutzenden, die er insgesamt hinnahm.

„Ich erinnere mich, dass mein Hals verdreht war und ich für rund 30 Minuten nicht sprechen konnte, weil mein Kehlkopf gegen die Rückseite meines Hals gedrückt worden war“, berichtet er.

Rinder berichtet, dass er während des Angriffs Gedanken hatte, die ihm schon bekannt waren: Was habe ich getan, um das hervorzurufen?

Wenn Miscavige jemand niedermacht oder, schlimmer noch, körperlich züchtigt, „beginnt man zu versuchen, herauszukriegen, was man ihm angetan hat“, berichtet Rinder. „Und das ist der Deal mit diesen Schlägen. Was habe ich getan, dass mir das jetzt passiert?“

Mehr vorbereiten, als nötig. Angriff, Angriff
Ähnlich wie beim Vorgehen von Scientology gegen die US-amerikanische Steuerbehörde, nutzte die Kirche jede Möglichkeit, sich gegen die Anklagen im McPherson-Fall zu verteidigen.

Scientology gab mehrere Millionen Dollar aus und die Anwälte der Kirche sandten tausende Seiten medizinischer Studien und Sachverständigenberichte ein, die besagten, dass die Betreuung von McPherson nicht für ihren Tod verantwortlich sein könnte.

Der Fall brach zusammen, nachdem Wood, die medizinische Sachverständige, unerwartet ihre Schlussfolgerungen im Bezug auf McPhersons Tod änderte. Hieß es zuvor, die Ursachen wären „unbekannt“, änderte sie dies im Februar 2000 in „Unfall“.

Die Staatsanwaltschaft ließ die Klagen vier Monate später mit Bezug auf Woods widersprüchlicher Interpretation der Beweislage fallen.

Verschwörungstheoretiker vermuteten, dass die Kirche auf irgendeine Weise an Wood herangekommen wären.

Rathbun bestreitet dies. Er sagt, dass die Sachverständige ihre Schlussfolgerung aufgrund des Drucks der wissenschaftlichen Informationen „kirchlicher“ Experten geändert hätte.

„Es gab bei ihr keine Erpressung“, sagt Rathbun. „Es gab keine Geheimdienstaktion. Es war alles nur Beweisführung. Ich schwöre.“

Wood, die wir zu hause erreichten, lehnte einen Kommentar ab.

McCabe sagt, dass nach seinem Eindruck diese Beweisführung und die Expertenmeinungen Wood zweifeln ließen. „Eine Sache, die man bemerkt, wenn man mit ihnen (den Scientologen) zu tun hat, ist, dass sie hartnäckig sind“; sagt er. „Und bei ihr waren sie sehr hartnäckig.“

Im Mai 2004, vier Jahre nachdem die Anklagen der Staatsanwaltschaft fallen gelassen waren, kam die Kirche mit McPhersons Familie zu einer Übereinkunft, um auch diese Klagen zu beenden. Die genaue Vereinbarung ist geheim.

In einer Ansprache vor der International Association of Scientologists, erklärte Miscavige den Sieg über die staatlichen Organe, über die Presse und andere, welche versucht hätten, McPhersons Tod zu benutzen, um die Kirche zu Boden zu zwingen.

Er sagte, die Verbindung hinter den Angriffen würden von der deutschen Regierung, die grundsätzlich gegen Scientology wäre bis zur Clearwater Police reichen, welche die Kirche seit zwei Jahrzehnten beobachten würde.

„Sie suchten einfach etwas, um uns packen zu können“, erzählte er der Menge. „Wir wussten die ganze Zeit, dass wir gewinnen würden.“

Mit einem Zitat von Hubbard listete er die Qualitäten auf, welche Scientology helfen würden, sich zu halten. „Ständige Wachsamkeit und der beständige Wille, zurückzuschlagen.“

Gewonnen, aber verloren
Obwohl Scientology letztlich an der juristischen Front gewann, war der McPherson-Fall doch ein Rückschlag für die Anstrengung der Kirche, sich ein freundliches, alltägliches Image zu geben.

Unter anderem kamen folgend Einzelheiten ans Licht: In den letzten fünf Jahren hatte McPherson mindestens 176.700 Dollar [rund 125.000 Euro] für Leistungen von Scientology bezahlt und weitere 5.773 Dollar [rund 4.000 Euro] bei der Kirche eingezahlt. Als sie starb hatte sie auf ihrem eigenen Konto elf Dollar [rund acht Euro].

Der Fall fachte im Bezug auf Scientology und deren Praktiken die Leidenschaften wieder an und brachte nach Jahren relativer Ruhe wieder Protest für und gegen die Kirche auf die Straßen von Clearwater.

Einige Menschen bezahlten einen Preis.

Minkoff, der Scientology-Arzt, welcher den Tod von McPherson festgestellt hatte, wurde vom Staat Florida diszipliniert. Ohne McPherson getroffen zu haben, hatte er für sie Rezepte ausgestellt, als sie im Fort Harrison untergebracht war.

Kartuzinski, die Vorgesetzte bei der Betreuung McPhersons, wurde für mehrere Jahre zur Arbeit in der Waschküche der Kirche verbannt.

Die Anhänger von Scientology wurden angehalten, tiefer in ihre Taschen zu fassen. Die Niederlassung der Kirche in Clearwater, Flag Service Organization, machte damals, so die Auskunft von Rathbun und anderen, pro Woche zwischen 1,5 und zwei Millionen Dollar Umsatz, was Scientology profitabler erscheinen ließ, als jemals zuvor.

Miscavige hatte entschieden, das Flag die exorbitanten juristische Kosten des McPherson-Falls zu tragen hätte. Rathbun sagt, dass deshalb die Verkäufer in der Kirche die Anhänger dazu drängten, mehr Auditing und andere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

„Es war eine Frage von ‚Die Dinge vorwärtsbringen, die Leute ranholen'“, sagt er. „Die brachten damals sehr viel Geld herein.“

Eine andere Gruppe bezahlte auf eine andere Weise. Laut Rathbun und anderen, ehemals hochrangigen Aussteigern, wurde Miscavige gewalttätiger und unberechenbarer, je länger der McPherson-Fall andauerte.

Rathbun sagt: „Ab dem Jahr 2000 verschlechterte sich die Situation, wenn man unter David Miscavige arbeitete, zunehmend.“

Quelle: http://www.tampabay.com/news/article1012234.ece

Weiterlesen: Teil 1 , Teil 3

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