Hartz V – oder: Auditing für Arbeitslose

Die SHS Foundation „Saarländer helfen Saarländern“, dessen Stifter Peter Hartz ist, hat ein neues Projekt für Langzeitarbeitslose gestartet. Mit dem Vorhaben „Minipreneure“ soll Betroffenen geholfen werden, einen neuen Lebensplan zu entwerfen und ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Der Begriff ist dem französischen Wort für Unternehmer, entrepreneur, entlehnt.

Ziel ist es, im Gespräch mit Wirtschaftsfachleuten, Psychologen, Neurologen und Managern für jeden Arbeitslosen ein Betätigungsfeld zu ermitteln, das seinen Talenten, seinen geheimen Wünschen und besonderen Interessen und Fertigkeiten entspricht.

Das Projekt orientiert sich an neurobiologischen Erkenntnissen. Auf deren Grundlage werden gezieltes Coaching, „Talentdiagnostik“ und Gruppengespräche durchgeführt, wodurch Betroffene ihr bisheriges Verhalten ändern sollen. Die Talente der Arbeitslosen sollen aufgespürt und in den Mittelpunkt der Bemühungen gestellt werden.

In sogenannten Polylog-Gruppen, die Selbsthilfegruppen ähneln, werden die Langzeitarbeitlosen in Workshops zur konstruktiven Einmischung ermutigt und es werden Wege des kreativen und innovativen Denkens aufgezeigt.

Beim Lesen des Gesamtkonzeptes fällt einiges auf:

…schöpft das Projekt den Zugewinn an Know How, fachkundiger Betreuung, sozialer Unterstützung und Empathie, um eine möglichst große Zahl von Langzeitarbeitslosen zu ermuntern und zu befähigen, ihr Leben als arbeitsfähige und leistungsbereite Mitbürger wieder aktiv und mit berechtigten Hoffnungen in die Hand zu nehmen,…

Hier wird wieder einmal das künstlich geschaffene Feindbild bedient, arbeitslose Menschen seien, durch ihren Unwillen und ihre eigene Unfähigkeit selbst verantwortlich für ihre Arbeitslosigkeit. Auch wenn die Arbeitslosen als „Experten in eigener Sache“ bezeichnet werden.

Und weiter:

Das POLYLOG-Modell geht von der evolutionsbiologischen Tatsache aus, dass Menschen Gruppenwesen sind und über 82.000 Generationen der Menschheitsentwicklung in „Polyaden“, d.h. in Gruppenkontexten gelebt, überlebt, kooperativ gearbeitet, ständig Altes überschritten, Neues geschaffen und kulturelle Entwicklungen vorangetrieben haben. Dabei ist das gemeinsame Denken und Sprechen in diesen Gruppen aus POLYLOGen entstanden.

oder auch:

Sie werden in der POLYLOG-Gruppe gestützt, durch ihre Peers unterstützt und durch Prozesse „wechselseitiger Beratung“ (Co-Counseling) und Expertenberatung gesichert und gefördert.

Quer durch das gesamte Dokument finden sich Hinweise auf die krude Menschensicht der Akteure hinter dem Projekt, und man gewinnt einen deutlichen Eindruck davon, in welcher Welt die Erfinder des Minipreneure leben, was ihre Ziele sind und woher sie ihre Motivation nehmen, sich mit einer gemeinnützigen GmbH als Wohltäter der Menschheit präsentieren zu wollen.

Gecoachte Verhaltensänderung könnte man auch als Gehirnwäsche bezeichnen. Und diese vielen schönen Fremdwörter sollen wohl „Expertenwissen“ vortäuschen.

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