Eine kurze Geschichte der geistigen und ethischen Überlegenheit der Europäer im Vergleich zu anderen Kulturen [Teil 1]

Rassismus ist tief in unserer Kultur verankert. Sklaverei der afrikanischen Menschen, ethnische Säuberung der amerikanischen Ureinwohner und kolonialistischer Imperialismus ist die Saat, die einen Rassismus erschaffen hat, dessen Auswirkungen bis in die heutige Zeit reicht.

Es ist allgemeines historisches Wissen, dass frühere Hochkulturen vor dem Aufstieg der Kaukasier bestanden – dass der Mensch einst aus Afrika kam. Allerdings haben eurozentrische Historiker immer wieder versucht, Afrikaner und andere menschliche Völker minderwertiger im Vergleich zu den Kaukasiern darzustellen. Trotz aller historischen Leistungen von Zivilisationen wie der ägyptischen und nubischen Zivilisation in Literatur, Wissenschaft, Musik und anderen Formen der Kunst, wurden, mit dem Aufstieg der weißen Europäer in der neueren Geschichte der Menschheit, alle anderen Völker als primitive Wesen, deren geistige Leistungsfähigkeit ähnlich des Affen sind, angesehen.

Ein Beispiel für die traurige Menschheitsgeschichte des Rassismus – von Kolonialherren die sich selbst als den anderen überlegen sehen – ist die lange Geschichte der Menschenzoos. Afrikaner und in einigen Fällen andere indigene Völker wurden als Exponate in Zoos gehalten – in der gleichen Weise wie man Tiere ausstellt. Menschen wurden entführt zum Vergnügen anderer. Es geschah nicht selten, dass diese Menschen schnell starben, sogar innerhalb eines Jahres ihrer Gefangenschaft.

Ein kleines Mädchen wird gefüttert wie ein Schimpanse (Weltausstellung Brüssel, Belgien 1958)
Ein kleines Mädchen wird gefüttert wie ein Schimpanse (Weltausstellung Brüssel, Belgien 1958)

Diese Geschichte ist lang und setzt sich vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre fort. Weit davon entfernt, Relikte aus einer unaufgeklärten Vergangenheit zu sein, gab es Überbleibsel dieser Ausstellungen in Europa sogar bis in die 2000er Jahre.

„Exoten“ zu Besuch

Menschenzoos (auch als „ethnologische Ausstellung“, und „Negerdorf“ bekannt) waren im 19. und 20. Jahrhundert öffentliche Ausstellungen von Menschen – meist nicht-Europäern – die wie Museumsstücke oder Jahrmarktsattraktion vorgeführt wurden um von Vorübergehenden begafft zu werden. Afrikaner, Asiaten, Indigene Völker und viele andere wurden oft in Käfigen und in einem behelfsmäßigen „natürlichen Lebensraum“ zur Schau gestellt. Diese menschlichen Ausstellungen waren sehr beliebt und wurden auf weltweiten Messen gezeigt, wo sie Europäer und Amerikaner in zig Millionen anzog – von Paris bis Hamburg, London bis New York, Moskau bis Barcelona.

Diese Neugier in Bezug auf indigene Völker hatte eine Geschichte mindestens so alt wie der Kolonialismus und Kolumbus brachte indigene Amerikaner von seinen Reisen in die Neue Welt an den spanischen Hof im Jahre 1493.

Während des frühen 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland etwas, dass als „Völkerschau“ bezeichnet wurde. Nur einige Jahrzehnte früher, in den 1870ern, in der Blüte des neuen Imperialismus, wurden Menschenzoos und Ausstellungen von exotischen Populationen alltäglich. Sie konnten an vielen Orten, einschließlich Hamburg, Antwerpen, Barcelona, ​​London, Mailand, New York und Warschau gefunden werden, und Hunderttausende von Menschen besuchten diese Ausstellungen.

Das Ziel war es, die Klischees über den „exotischen“ Lebensstil der Menschen aus Asien und Afrika zu aktivieren und zu bestätigen: primitiv und steinzeitlich, wild und martialisch, ursprünglich und naturnah. Oft mussten die Menschen auch ihre angeblichen Bräuche und Sitten nachspielen. Dass das erwartete „richtige“ Verhalten einigen erst beigebracht werden musste, war nebensächlich. Solche Zoos hatten eine stark ausgeprägte rassistische Implikation, wenn die Menschen aus Afrika zusammen mit Affen gezeigt wurden, um ihren gemeinsamen Ursprung zu demonstrieren.

Eine der ersten modernen öffentlichen menschlichen Ausstellungen war die von Joice Heth (ca. 1756 – 19. Februar 1836), einer US-amerikanischen Sklavin. Von 1835 bis zum Ende ihres Lebens, blind und fast vollständig gelähmt (sie konnte sprechen, und hatte die Fähigkeit, ihren rechten Arm zu bewegen), wurde sie von PT Barnum ausgestellt. Er begann seine Karriere als Schausteller in dem behauptete, Joice Heth wäre die 160-jährige Krankenschwester von George Washington. Sie starb im nächsten Jahr, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als 80 Jahre alt.

Völkerschau Indien, Tierpark Hagenbeck
Völkerschau Indien, Tierpark Hagenbeck

Im Jahre 1874 beschloss der deutsche Tierhändler und Gründer mehrerer europäischer Zoos Carl Hagenbeck, Ausstellungen, die er als „echt und natürlich“ bezeichnete, wie den samoanischen Inselbewohnern und Samen (Lappen), zu zeigen. Im Jahre 1876 schickte er einen Mitarbeiter in den Sudan, um „wilde Tiere und Nubier“ mitzubringen. Die nubische Ausstellung war in Europa sehr erfolgreich und tourte durch Paris, London und Berlin. Er schickte ausserdem einen Agenten nach Labrador, um sich eine Reihe von „Eskimos“ (Inuit) aus der Siedlung von Hopedale zu sichern; diese Inuit wurden in seinem Hamburger Tierpark ausgestellt. Alle von ihnen starben innerhalb von fünf Monaten an Pocken, weil man vergessen hatte sie zu impfen.

"Negerdorf", Weltausstellung 1889 in Paris
„Negerdorf“, Weltausstellung 1889 in Paris

Die Weltausstellungen 1878 und 1889 in Paris zeigten beide ein „Negerdorf (village nègre)“. Den 28 Mio. Besuchern der Ausstellung 1889 wurden 400 indigene Menschen als Hauptattraktion präsentiert. Die Weltausstellung 1900 folgten, ebenso wie die Kolonialausstellungen in Marseille (1906 und 1922) und in Paris (1907 und 1931), die nackte oder halbnackte Menschen in Käfigen zeigten.

Die Ausstellung in Paris 1931 war so erfolgreich, dass sie 34 Millionen Besucher in sechs Monaten verzeichnen konnte, während eine kleinere kritische Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“ nur sehr wenige Besucher anzog.

Nur vier Jahre vor Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte der Cincinnati Zoo, für drei Monate, hundert Sioux-Indianer in einem nachgebauten Dorf.

Ota Benga, Bronx Zoo
Ota Benga, Bronx Zoo

Im Jahre 1906 zeigte der Amateuranthropologe und Eugeniker Madison Grant, der Vorsitzender der New York Zoological Society war, den kongolesischen Pygmäen Ota Benga in einem Gehege im Bronx Zoo in New York City, als Teil der Primaten-Ausstellung. Ota wurde oft dazu gebracht, Schimpansen und andere Menschenaffen mit sich herumzutragen, mit Pfeil und Bogen zu schiessen und mit einem Orang-Utan zu ringen. Der Zoodirektor William Hornaday bezeichnete Ota als „The Missing Link.“ Das Publikum kam in Scharen, um die Ausstellung zu sehen.

Laut der New York Times, gab es „nur wenig Einwände gegen den Anblick eines Menschen in einem Käfig mit Affen als Gefährten“. Eine Kontroverse brach erst aus, als als afroamerikanische Geistliche der Stadt Anstoss nahmen. „Wir finden unsere Rasse ist niedergeschlagen genug, auch ohne dass einer von uns gemeinsam mit den Affen ausgestellt wird“, sagte Reverend James H. Gordon, Superintendent des Howard Colored Orphan Asylum in Brooklyn. „Wir denken, dass wir wert sind als Menschen mit Seelen behandelt zu werden.“

Auf der Internationalen Kolonial- und Export-Ausstellung in Amsterdam im Jahre 1883 konnte man Ureinwohner der Insel Java sehen.

Zu Besuch bei „Exoten“

In den 1930er Jahren begann die Zeit der Massenmedien und das Interesse an Zoologischen Gärten sank. So verschwand der letzte Afrikaner aus europäischen Zoos im Jahre 1936. In Kino und Fernsehen der Nachkriegszeit gab es dann für „Untermenschen“ keine Verwendung mehr. So mussten wieder seltene Tiere für die Exotik-Faszination der Massen sorgen und der erste mediale Zoodirektor Professor Bernhard Grzimek wurde zum grossen TV-Ereignis. Billigflugreisen konnten dem Europäer ein viel reichhaltigeres (aber nicht unbedingt echteres) Erlebnis der einheimischen Bevölkerung geben.

Und doch, vereinzelt gab und gibt es diese Art von „Ausstellungen“ auch noch in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Die Brüsseler Weltausstellung 1958 hatte ein kongolesisches Dorf auf der Messefläche. Noch im April 1994 wurde ein Dorf der Elfenbeinküste, als Teil einer afrikanischen Safari (Planète Sauvage), in Port-Saint-Père, in der Nähe von Nantes, Frankreich gezeigt. 2005 gab es in Deutschland Kritik am Augsburger Zoo, wegen einer ähnlichen Ausstellung. Ebenfalls 2005 zeigte der Londoner Zoo Menschen die nur mit Feigenflättern bekleidet waren. 2007 beherbergte der Zoo im australischen Adalaide Menschen in einem ehemaligen Affengehege. Es war diesen Menschen allerdings erlaubt, über nacht nach Hause zu gehen – im Gegensatz zu ihren früheren Verkörperungen.

Zufahrt zum Jarawa Reservat (Bild: © Pankaj Sekhsaria)
Zufahrt zum Jarawa Reservat (Bild: © Pankaj Sekhsaria)

Viele Menschen trösten sich mit dem Glauben, dass der Rassismus von gestern sicher in der Vergangenheit verwahrt ist. Aber der Widerhall der „menschlichen Zoos“ in den letzten Jahren zeigt, dass dies keineswegs der Fall ist. Der Rassismus der Vergangenheit tropft weiterhin in die Gegenwart, wie die sogenannten „Menschensafaris“ auf den Andamanen-Inseln zeigen. Touristen aus der ganzen Welt reisen verbotenerweise täglich entlang einer gesperrten Fernstraße durch ein Schutzgebiet, um Mitglieder des Jarawa-Volkes zu begaffen.

Welche Beziehung gibt es zwischen den heutigen Bildern von fernen Ländern und den Tausenden weit verbreiteten Bildern dieser Menschenzoos von damals? Ist unsere Betrachtungsweise so viel anders, hungrig, wie sie es für Exotik war, bevor es diese ganzen verschiedenen Reality-Shows und Big Brother-Programme gab – Programme die auftauchten um eine neue Ära des Götzenbildes zu einzuläuten? Voyeurismus, Sensationsgier, das Verhältnis zu Abweichung und Normalität. Jedes Jahrhundert hat scheinbar die Menschenzoos, die es verdient!

Einzelnachweise:
Völkerschau – Wikipedia (de)
Human zoo – Wikipedia (en)
Zoo-Spektakel im Kaiserreich – Spiegel online
Ota Benga – Wikipedia (de)
Madison Grant – Wikipedia (de)
William Temple Hornaday – Wikipedia (de)
International Colonial and Export Exhibition Amsterdam – Wikipedia (en)
Wo die wilden Kerle wohnten – Die Welt
Brüste und Bestechung: Touristenskandal im Insel-Paradies – Blick.ch

Anne Dreesbach – Gezähmte Wilde: die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870-1940 (Campus 2005)

Alle Abbildungen, soweit nicht anders angegeben, gemeinfrei (Public Domain)

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